„Neue Dimension der Solidarität mit den Hilfsbedürftigsten“

Mainzer stellt Obdachlosen während der Covid-19-Krise seine Ferienhäuser zur Verfügung / Pressemitteilung des Vereins „Wohnsitzlos in Mainz e.V“ vom 23. März 2020

Nathalie Böhm (r.) „schiebt“ Frank und Károly mitten hinein ins Glück. Links freut sich Ferienhausbesitzer Ingo Fischer. Foto: Wohnsitzlos in Mainz e.V. / Julie Fischer


„Bleibt zu Hause!“ lautet das Gebot der Stunde während der grassierenden Corona-Pandemie. Was aber, wenn man gar kein Zuhause hat? Obdachlose Menschen machen gerade eine extrem schwierige Zeit durch, zumal viele von ihnen eine stark angeschlagene Gesundheit haben und dadurch im Falle einer Ansteckung mit dem Covid-19-Virus in akute Lebensgefahr gerieten. Hinzu kommt, dass immer mehr Hilfsangebote und Notunterkünfte schließen müssen, die es Obdachlosen bislang ermöglicht haben, sich gerade so über Wasser zu halten. In dieser Situation hat nun ein Ferienhausbesitzer in Mainz-Finthen besonders hilfsbedürftigen Menschen ohne festen Wohnsitz für mindestens einen Monat sein außergewöhnlich schönes und komplett eingerichtetes Ferienhaus in der Prunkgasse überlassen, in dem normalerweise Freundesgruppen oder Familien einige schöne Tage oder Wochen miteinander verbringen. „Das ist ein großartiges Beispiel für Hilfsbereitschaft und gelebte Solidarität mit den schwächsten Mitgliedern unserer Gesellschaft, die ich in dieser Form noch nie erlebt habe“, sagt die erste Vorsitzende des Vereins „Wohnsitzlos in Mainz e.V.“, Nathalie Böhm. Sie hofft, dass dieses Beispiel nun Schule macht.

Vor gut zehn Jahren haben sich Julie und Ingo Fischer als junge Familie mit kleinen Kindern einen Lebenstraum im alten Ortskern des Mainzer Stadtteils Finthen erfüllt: Sie kaufen eine um das Jahr 1900 erbaute Hofreite samt Scheune und riesigem Garten in der Prunkgasse. Knapp anderthalb Jahre lang dauerten die sehr aufwändigen Sanierungsarbeiten nach gestalterischen und ökologischen Gesichtspunkten, seitdem erstrahlen das Bauernhaus sowie die nunmehr zum Wohnhaus ausgebaute Scheune im neuen Glanz. Da sie mehr Wohnraum geschaffen hat als sie selbst benötigt, hat Familie Fischer im Jahr 2017 damit begonnen, drei nicht selbstbewohnte Häuser auf der Hofreite an Feriengäste zu vermieten – bis vor vier Wochen mit großem Erfolg. Doch dann hat die Corona-Pandemie das Ferienhausgewerbe praktisch von einem Tag auf den anderen von 100 auf null gefahren.

„Unsere finanzielle Lage ist angesichts hoher Fixkosten und fehlender Einnahmen zwar ernst, aber sie ist nicht lebensbedrohlich“, sagt Ingo Fischer. Damit gehe es seiner Familie deutlich besser als dem schwächsten Teil unserer Gesellschaft, nämlich obdachlosen Menschen. Und genau ihnen kann und will Familie Fischer nun helfen.

„Wir helfen gerne!“

In einem Facebook-Post hat Fischers Bekannte Caroline Elfers am vorvergangenen Mittwoch auf die dramatische Situation der Schwächsten unserer Gesellschaft aufmerksam gemacht: „Ihr Lieben, die Corona-Krise trifft uns alle. Am meisten trifft es aber die, die sowieso schon nichts haben: Unterkünfte werden geschlossen und Lebensmittelverteilungen werden eingeschränkt oder unterbunden. Ich suche für ein paar sehr zuverlässige, ordentliche Obdachlose, die in ein paar Tagen ihre Unterkunft verlassen müssen, einen Garten, am besten mit einer Hütte, in der Nähe der Mainzer Innenstadt. (…) Bitte denkt noch einmal nach, vielleicht kennt Ihr ja auch jemanden, der ein Grundstück besitzt, in dem sie Schutz finden könnten.“

Für Julie und Ingo Fischer war sofort klar, dass sie eine Lösung anbieten können – und zwar nicht „nur“ mit einem Zeltplatz im Garten, denn „es hätte sich nicht richtig angefühlt, hilfsbedürftige Menschen auf unserer Hofreite ohne Bett und vor allem ohne sanitäre Anlagen campen zu lassen, wenn bei uns gleichzeitig Ferienhäuser leer stehen“. Also antworteten sie auf Facebook: „Caroline, wir helfen gerne. Wie viele Personen sind es? Unser ‚Ferienhaus in Mainz‘ steht die nächsten Wochen leer, ebenfalls wegen Corona, weil derzeit niemand reisen will oder darf. Da nutzen Julie und ich gerne die Chance, etwas Gutes tun zu dürfen.“

Helfen – aber wie?

Der Verein „Wohnsitzlos in Mainz“ freut sich über jede noch so kleine Geldspende, um die Grundversorgung der Obdachlosen aufrechterhalten zu können. IBAN: DE78 5085 2553 0016 1159 82 (Sparkasse Groß-Gerau).

Ingo Fischer freut sich über Buchungen seiner drei wunderschönen Ferienhäuser (bis 14 Gäste im „Gartenhaus„, bis 10 Gäste im „Brunnenhaus“ und bis zu 6 Gäste im „Hofhaus„) für die Zeit nach der Corona-Krise. Stornierungen sind bis zum Vortag der geplanten Anreise kostenlos möglich.

Kontakt Wohnsitzlos in Mainz: wohnsitzlosmainz@gmail.com
Kontakt Ingo Fischer: https://ferienhausmainz.com, Tel.: 0179 – 1012060

Gemeinsam Leben retten

Danach ging alles ganz schnell: Caroline Elfers informierte die Vorsitzende der Vereins „Wohnsitzlos in Mainz“, Nathalie Böhm, und schon am nächsten Tag kam es zum ersten Treffen in der Finther Prunkgasse mit zweien der künftigen Bewohner: Károly (Name geändert) hat eine Herzkrankheit und ist dadurch akut gefährdet, sollte er sich mit dem Corona-Virus anstecken. Als nicht-deutscher EU-Bürger bekommt er keinerlei staatliche Bezüge, und in seinem ursprünglichen Herkunftsland hat er keine Familie, die ihm hilft. „Damit ist er sehr stark angewiesen auf ehrenamtliche Unterstützung, die nun heruntergefahren wird“, so Nathalie Böhm. Der zweite Bewohner, Frank (Name geändert), ist sehr kontaktscheu und nimmt Hilfe nur von vertrauten Personen an. Als Deutscher hat er zwar Anrecht auf Bezüge, doch die Hürde, die entsprechenden Behörden aufzusuchen und die Anträge zu stellen, war für ihn bisher viel zu hoch. So lebt er seit Jahren ohne festen Wohnsitz von Ersparnissen, die langsam zur Neige gehen. Auch er gehört zur Covid-19-Risikogruppe.

Am Samstag-Nachmittag haben Frank und Károly ihr neues Heim bezogen, in dem sie sich nun während der Corona-Krise einigeln und dadurch so weit wie möglich schützen können – die Freude darüber sprang den beiden förmlich aus dem Gesicht. „Eine Hilfe in dieser Dimension habe ich bisher noch nicht erlebt“, so Nathalie Böhm, die nun hofft, dass das Beispiel Schule machen wird: Vielleicht gelinge es nun, mehr Menschen, die auf der Straße großen Gefahren ausgesetzt sind, und solchen, die ihre Unterkünfte wie Ferienwohnungen, Wohnwagenstellplätze oder Grundstücke  – für Wohnsitzlose mit Hunden – derzeit nicht vermieten können, zusammen zu bringen.

So unfassbar schwierig es klingen mag, so einfach und unkompliziert sei es doch in Wirklichkeit, wie das Beispiel von Frank und Károly, Ingo und Julie zeige. „Wir rufen alle Besitzer mit Leerstand in Mainz und Umgebung auf, sich bei uns zu melden und gemeinsam eine Lösung zu finden. Wir suchen vor allem Grundstücke, auf denen sich die Wohnsitzlosen für die Zeit der Krise niederlassen dürfen und zu Atem kommen können“, so Böhm abschließend: „Mit Kurzzeitunterkünften für Wohnsitzlose in der Corona-Krise können wir auch ohne medizinische Ausbildung Leben retten!“

In den kommenden Wochen dient das Urlaubsparadies im Finther Ortskern, in dem sonst Freunde und Familien Urlaube oder auch Junggesellenabschiede genießen, Obdachlosen als Schutzraum vor der Ansteckung mit dem Corona-Virus.